Accepted paper:

Ordnung, Kontingenz, Krise - Wenn Schlösser nicht mehr schließen…

Authors:

Sebastian Dümling (Universität Basel)

Paper short abstract:

Der Beitrag geht davon aus, dass das Schloss narrativ als Störraum dient, der Ordnung suspendiert, Kontingenz freisetzt, Krisen produziert - und so Narrativität erst erzeugt. Damit wird die dialektische Erzählfunktion des Schlosses fokussiert, Ordnung zu objektivieren und zugleich zu stören.

Paper long abstract:

Meine Argumentation setzt bei der narratologischen Grundannahme an, dass Erzählungen auf semiosphärischen Störungen aufbauen. Daher kann man sie als 'breaching experiments' verstehen, die sowohl ihre HeldInnen als auch ihre RezipientInnen mit dem Verlust institutionalisierter Welterschließung konfrontieren und mögliche Reaktionen auf die damit zusammenhänge Kontingenzerfahrung aufzeigen. An Beispielen, die ich der gothic fiction des 19. Jahrhunderts, dem angloamerikanischen Mittelalterfilm der 1950er Jahre und schließlich The Game of Thrones entnehme, entwickle ich die These, dass der Handlungsort 'Schloss' in populären Erzählungen die Hauptfunktion hat, solche 'breaching experiments' zu initiieren. Idealiter sind Schlösser umschlossene Räume, die ein geschlossenes Erfahrungs-, Wissens-, Wertesystem um- und abschließen. Sie sind, in der Terminologie Juri Lotmans, kultursemiotisch ‚kalt', da sie kulturelle Dynamik, Hybridität und Polyglossie ausschließen. Deswegen erweisen sich Schlösser auch besonders anfällig für Störungen, für Einbrüche von Alterität und Kontingenz, weil bereits kleine Irritationen Krisen innerhalb der verschlossenen Ordnung auslösen können. An meinen Beispielen werde ich zunächst die jeweiligen Ordnungsgefüge vorstellen, die die jeweiligen Erzählkulturen dem Schloss zuweisen; diese axiologische Rahmung analysiere ich über die Parameter Gender, Ethnizität und Sozialität. Im zweiten Schritt gehe ich auf die Figurationen der Krise ein, die das Schloss destabilisiert und die Erzählung überhaupt ermöglicht. Aufmerksamkeit verdienen hierbei zum einen die unterschiedlichen axiologischen Brüche, die am Handlungsort ‚Schloss' inszeniert werden, zum anderen die Strategien, diese Brüche zu bewältigen. Letzteres erfolgt hinsichtlich der HeldInnen über deren Handlungsreaktionen, hinsichtlich des extradiegetischen Publikums anhand der Rezipientensteuerungen, die die Erzählungen aufweisen. Grundfrage ist also: Was schließen unterschiedliche historische Schlossimaginationen jeweils ab, und wie wird reagiert, wenn diese Schließungen nicht mehr funktionieren?

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Das Märchenschloss: Luxuriöse Behausung in märchenhaften Erzählungen